Die Rentenlücke - Mind the Gap

Aktualisiert: Jan 8

Auf der ganzen Welt wird jeder von uns, meist per Lautsprecherdurchsage oder Schild, auf die Lücke zwischen Bahn und Bahnsteig hingewiesen: „Mind the Gap!“ bzw. „Beachten Sie bitte den Abstand zwischen Zug und Bahnsteig!“. Doch warum weist uns niemand auf die Lücke hin, die für die meisten Menschen ebenfalls unangenehme Folgen haben könnte. Dabei spreche ich von der Rentenlücke - dem Unterschied zwischen eurem Arbeitslohn und dem was ihr als Rentner erhaltet. In diesem Artikel erfährst du mehr zu Fragen wie:


  • Was ist die Rentenlücke?

  • Wie berechnet sich die Rentenlücke?

  • Wie entwickelt sich die Rentenlücke?

  • Was brauche ich als Rentner zum Leben?


Die Rentenlücke

Aktuell liegt der Durchschnittsrentenbetrag bei ca. 48% des durchschnittlichen Jahresentgeldes. Du erhälst also als Renter laut Statistik 52% weniger gehalt, sobald du Rentnerin oder Rentner bist. Das ist die Rentenlücke. Manchmal wird die Rentenlücke auch Vorsorgelücke genannt. Lass dich dadruch nicht verwirren. Beides meint das gleiche.


Altersarmut voraus

Das durchschnittliche Jahresentgeld ist der Betrag den die sozialversicherungspflichtigen Deutschen im Durchschnitt erhalten habe. Im Jahr 2019 lag dieser Betrag bei 33.057€ nach Abzug der Sozialbeiträge, aber noch vor Steuern.


Jahr d.JEG d.JEG/M SR/M t.R/M

2015 29.253€ 2.438€ 1.163€ 861€

2016 29.880€ 2.490€ 1.197€ 888€

2017 30.611€ 2.551€ 1.231€ 925€

2018 31.548€ 2.629€ 1.264€ 958€

2019 33.057€ 2.755€ 1.327€ 1.003€


d.JEP = durchschnittliches Jahrsentgeld

d.JEG/M = d.JEP pro Monat

SR = Standardrente bei 45 Versicherugsjahren

t.R/M = tatsächlich gezahlte Altersrente pro Monat

Also von den 33.057€ müssen noch die Lohnsteuer, der Soli und evtl Kirchensteuer abgezogen werden. Habt ihr 45 Jahre lang immer genau so viel pro Jahr verdient wie der Durchschnitt, so würdet ihr heute eine Rente von 15.920€ erhalten. Das entspricht 1327€ pro Monat. Zum Vergleich: Vorher habt ihr 33.057€/12=2755€ verdient, danach als Rentnerin/Rentner 1327€. Die Rentenlücke liegt also hier bei ca. 1.400€!


Zum Teufel mit der Statistik

ABER: Tatsächlich sieht es noch schlimmer aus. Auf der Internetseite der Deutschen Rentenversicherungen können die tatsählich gezahlten Renten eingesehen werden (siehe obere Tabelle t.R/M = tatsächlich gezahlte Rente pro Monat). Diese Beträge fallen deutlich geringer aus. Beispielsweise lag die tatsächlich gezahlte Altersrente im Jahr 2019 bei 1.003€ für alle Deutschen. Warum ist das so? Das liegt Hauptsächlich daran, dass die wenigsten auf volle 45 Arbeitsjahre bzw. Rentenpnkte kommen. Daher ist der Sturz in der Realität noch größer als die oben genannten 52%. Natürlich könnt ihr auch mehr als die durchschnittliche Rente erhalten, aber auch nicht unbegrenzt viel, da es einen oberen Deckel gibt.



Unterschied zwischen dem Einkommen eines Arbeitnehmers und eines Rentners.


Im jährlichen Rentenbescheid findet sich unter dem Absatz „Zusätzlicher Vorsorgebedarf“ der vorsichtige Hinweis, dass eine zusätzliche Absicherung für das Alter wichtig sei.

(Originaler Wortlaut aus dem Rentenbescheid:

Zusätzlicher Vorsorgebedarf

„Da die Rente im Vergleich zu den Löhnen künftig geringer steigen werden und sich somit die spätere Lücke zwischen Rente und Erwerbseinkommen vergrößert, wird eine zusätzliche Absicherung für das alter wichtiger („Versorgungslücke“). Bei der ergänzenden Altersvorsorge sollten Sie – wie bei Ihrer zu erwartenden Rente – den Kaufkraftverlust beachten.“)

Ohne dramatisieren zu wollen, möchte ich sagen, dass dieser Hinweis mindestens in Fettschrift, am besten sogar knallrot hervorgehoben werden müsste. In meinem eigenen Rentenbescheid aus dem Jahr 2019 heißt es, dass meine Regelaltersrente am 01.08.2053 beginnt. Würde ich weiter in die Rentenkassen einzahlen wie bisher, so hätte ich bei Renteneintrittsalter (01.08.2053) einen Anspruch auf 1878,66€ (brutto) Rente. Hierbei wurde keine Rentenerhöhung angenommen, später komme ich darauf zurück. Brutto bedeutet hier kommen noch Abzüge (Krankenkasse, Soli, Steuer) hinzu. Die Abzüge sind allgemein geringer, verglichen mit der Zeit, in der Ihr aktiv gearbeitet habt. (Wie ihr eure gesetzliche Rente ermittelt, könnt ihr hier lesen: „Rentenbescheid richtig lesen und verstehen“).

Das brauche ich mindestens zum Leben

Sind 1878,66€ jetzt viel oder wenig? Das hängt von vielen, teils hoch individuellen Faktoren ab. In meinem Fall ist es so, dass ich aktuell ziemlich genau 2204,73€ (netto) zum Leben benötige. Darin sind bereits alle Kosten wie Miete und Nebenkosten der Wohnung, Energiekosten, Versicherungen (Haftpflicht, Hausrat, Berufsunfähigkeit usw. enthalten), Unterhaltskosten (Essen, Trinken, Telefon usw.) Freizeitaktivitäten und mehr enthalten. Nicht enthalten sind Beträge für Vorsorge (Riester, Rürup), Autoreparaturen, Urlaube oder größere Anschaffungen (Auto, Möbel). (Hier der Link zum Thema „Finanzübersicht- Struktur ist wichtig!“).

Einiges wird billiger

Im Alter fallen glücklicherweise einige Ausgaben weg. Beispielsweise müsst Ihr dann nicht mehr in Vorsorgepläne wie Riester oder ähnliches einzahlen. Ebenso fallen die Beiträge für die gesetzliche Rentenversicherung (aktuell 9,3% Arbeitnehmeranteil) und Arbeitslosenversicherung (1,2% Arbeitnehmeranteil) weg. Das bedeutet, dass eure Rente nicht so extrem besteuert wird, wie aktuell euer Gehalt. Eure Kinder, wenn Ihr welche habt, werden wahrscheinlich für sich selbst sorgen können und evtl. habt Ihr auch schon eine Eigentumswohnung oder ein Haus abbezahlt, so dass die monatlichen Ratenzahlungen wegfallen.

Einiges wird teurer

Aber es kommen evtl. auch höhere Ausgaben auf Euch zu. Da Ihr als Rentner öfter und länger zu Hause seid, werdet Ihr sicherlich mehr Energiekosten benötigen. Ebenso erhöhen sich im Schnitt die Ausgaben für gesundheitliche Versorgung und Leistungen (Medikamente, medizinische Dienstleistungen usw.) sowie die Finanzierung eines neuen Hobbies. Schließlich habt Ihr jetzt mehr Zeit und könnt den Dingen intensiver nachgehen, für die Ihr vorher wenig(er) Zeit hattet. Ob das nun reisen, an alten Autos schrauben, Golf spielen, einen Bootsführerschein machen oder ein Gnadenhof für alte Tiere ist. Bestimmt fallen Euch tausend Dinge ein, die Ihr gerne vor Eurem Tod noch machen möchtet. Schade, wenn all die kleinen oder größeren Träume an der Finanzierung scheitern.

Was brauche ich denn nun als Rentner?

Doch einmal abgesehen von kleinen Freuden, die man gewiss schon als Luxus bezeichnen darf. Auch als Rentner müssen wir leben. Wir brauchen Nahrung, Strom, Mobilität, ein Dach über dem Kopf, usw. Wie viel finanzielle Mittel brauchen wir denn für diese Art „Grundsicherung“? Einige sagen, dass von 60 bis 70% des letzten Nettoeinkommens auszugehen ist. Andere sprechen sogar von 80-85%. Tatsächlich ist die Antwort so individuell wie wir Menschen selbst. Die Frage könnt Ihr demnach auch nur für Euch selbst beantworten. Um Euch hier eine Hilfestellung zu geben, will ich zeigen, wie Ihr methodisch/technisch an diese Frage herangeht. (Hierzu könnt Ihr den folgenden Artikel „So viel Rente benötige ich“ lesen).

Mein Anspruch als Rentner!

In meinem Fall würden sich die 2204,73€ nicht weiter reduzieren, da ich Beiträge für Riester und Rürup bereits vorher nicht mit eingerechnet habe. Die Unterstützung unseres Kindes, wird weiterhin bestehen bleiben, auch, wenn unsere Tochter dann schon 36 Jahre alt ist. Evtl. hat Sie dann selbst Kinder, denen man jeden Monat etwas beisteuert. Langer Rede kurzer Sin: bei mir habe ich die 2204,73 bereits um jene Beträge bereinigt, welche ich im Rentenalter nicht mehr zahlen müsste. Das heißt, würde ich heute in Rente gehen, benötige ich minimal 2204,73€. (Darin sind jedoch keine Beiträge für Urlaub, neue Hobbies, Autoreparaturen/ -kauf oder Reserven enthalten.)

Die Inflation schlägt zu!

Zähle ich die Jahre bis zu meinem prognostizierten Rentenbeginn (2053-2020=33), so sind es noch 33 Jahre. In diesen 33 Jahren passiert jedoch etwas zu meinem und unserem Nachteil. Die Inflation schlägt zu! Was bedeutet das? Inflation bedeutet, dass mein Geld nicht mehr das Wert ist, was es mal war oder plastischer Ausgedrückt ein Kinobesuch heute, der etwa 15€ Kostet, wird in 33 Jahren etwa (15€*1,017^33=) 27€ kosten. Also 80% mehr! So ergeht es mir auch mit meinem notwendigen Mindesteinkommen. Die heute für meinen Lebensunterhalt notwendigen 2204,73€ wachsen in 33 Jahren zu einem Betrag von (2204,73*1,017^33=) 3845,44€ an.


Inflation und Rentenanpassung im Vergleich vom Jahr 1990 bis ins Jahr 2020.

(Quelle der Zahlen: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1046/umfrage/inflationsrate-veraenderung-des-verbraucherpreisindexes-zum-vorjahr/#professional)

Die Kosten des Kinobesuchs, aber auch mein notwendiges Mindesteinkommen in 33 Jahren lassen sich mit Hilfe der durchschnittlichen Inflationsrate berechnen. Im Diagramm seht Ihr die Inflationsrate von 1992 bis 2019. Der Mittelwert liegt bei 1,71%. Das bedeutet, dass der Kinobesuch sowie auch mein notwendiges Mindesteikommen jedes Jahr um 1,71% steigen.

Rentensteigerung Berücksichtigen

Fairer Wiese müssen wir berücksichtigen, dass auch die Rente von Jahr zu Jahr angepasst wird (rote Kurve im Diagramm). Die mittlere Rentenerhöhung der letzten Jahre liegt bei 1,69%, also auf vergleichbarem Niveau wie die Inflation. Damit würde sich meine gesetzliche Rente von 1878€ auf (1878,66*1,0169^33=) 3266,11€ erhöhen.

Brutto/Netto -Vater Staat will seinen Anteil

Wie bereits oben geschrieben, wird auch die Rente versteuert, wobei die Steuerlast im Vergleich zu heute etwas geringer sein wird, da ihr beispielsweise keine Rentenversicherung (aktuell 9,3% Arbeitnehmeranteil) und keine Arbeitslosenversicherung (1,2% Arbeitnehmeranteil) mehr zahlen müsst. Will ich ab dem 01.08.2053 jeden Monat 3845,443€ (netto) Rente erhalten, so muss ich also mehr Rente bekommen, als heute in meinem Rentenbescheid prognostiziert wird. Genauer gesagt, müsste ich eine Rente von 5196€ erhalten. Genau! Ihr habt richtig gelesen! Ich müsste jeden Monat 5196€ Rente erhalten, da dieser Betrag eben auch von Abzügen betroffen ist. Hierbei handelt es sich um die folgenden:

- Steuer- und Solidaritätsabzug 865,72€

- Krankenkassenbeitrag 342,19€

- Pflegeversicherung 142,97€

Ein Schlag ins Gesicht

Um nun meine Vorsorgelücke zu ermitteln muss ich einfach von meinem Bedarf von 5196€ die zu erwartende gesetzliche Rente (unter Berücksichtigung der Rentenanpassung von 1,69% pro Jahr) abziehen. Im Ergebnis liegt meine Vorsorgelücke bei 5196-3266=1930€!

Das ist wie ein Schlag ins Gesicht! Wie soll ich das denn schaffen? Warum hat mich nicht jemand früher darüber informiert?! Kann ich das überhaupt schaffen? Wenn ja, wie? Das einzige was die Deutsche Rentenversicherung einem schreibt, ist ein Hinweis darauf, dass eine zusätzliche Absicherung wichtiger wird. Der Wortlaut ist viel zu vorsichtig formuliert! Eine zusätzliche Absicherung ist nicht wichtiger, sondern UNABDIGNBAR!

Zusätzlich muss ich nochmal erwähnen, dass sowohl die Rentenanpassung von 1,69% also auch die Inflation sich zu unserem Nachteil ändern können. Sprich, die Rentenanpassung wird jedes Jahr geringer und die Inflation wird größer. Trotzdem genügt uns an dieser Stelle mit solchen Werten zu rechnen. Es geht ja um eine Abschätzung und zu schauen ob und wie groß der Handlungsbedarf ist.

Keine Panik

Es besteht jedoch kein Grund zur Panik. Die obere Darstellung der Rentenlücke ist eine ziemlich düstere Betrachtung, die jedoch eintreffen kann, wenn wir uns in den nächsten 33 Jahren um nichts kümmern und alles überschüssige Geld verpulvern! Jeder von uns sollte sich an einem freien Tag einmal eine Stunde Zeit nehmen, um grob abzuschätzen, wie seine persönliche Situation bei Rentenbeginn aussieht. Wenn Ihr beispielsweise während eurer aktiven Arbeitszeit eine Eigentumswohnung oder ein Haus kauft und dieses Eigentum bis zum Renteneintritt abbezahlt ist, sieht die Welt schon ein wenig entspannter aus. In meinem Fall würde dann die monatliche Kaltmiete (Nebenkosten müssen leider weiterhin gezahlt werden) wegfallen.

Mein Bedarf würde sich in diesem Fall von 2204,73 € auf 1279,73€ reduzieren. In 33 Jahren würde dieser Betrag aufgrund der Inflation auf 2239,33€ (netto) bzw. 2818 € (brutto) anwachsen. Abzüglich meiner prognostizierten gesetzlichen Rente (3266,11€) hätte ich keine Rentenlücke mehr, sondern ein Plus von ca. 450€ (brutto) bzw. 306€ (netto). 306€ haben jedoch in 33 Jahren nur eine Kaufkraft von (306*(100%-1,71%)^33=)173,60€.

In Summe hättet ihr für größere Anschaffungen, Reisen, Hobbies und weitere Freizeitaktivitäten im Monat 173,60€ zur Verfügung, was wirklich nicht viel ist. Auch in diesem Szenario wird deutlich, dass allein der Erwerb einer Immobilie zwar ratsam ist, aber nicht ausreicht um sorglos die Rente zu genießen. Prinzipiell habt ihr zwei Möglichkeiten. Entweder ihr schrauben eure Ansprüche im Alter deutlich herunter oder ihr seht zu, dass ihr eure Rentenlücke jetzt schließen. Wenn ihr nicht an euren Ansprüchen schrauben wollt, dann besteht dringender HANDLUNGSBEDARF.

Close the Gap!

Eine Methode, um die Rentenlücke zu schließen bzw. sie zu verringern, habt ihr gerade kennengelernt: Der Erwerb von Wohneigentum. Aber es gibt noch weitere gute Ansätze. Welche das sind und wie Ihr euch einen Plan zur Schließung der Rentenlücke aufbauen könnt, zeige ich euch in diesem Artikel: „Close the Gap!“.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Da das Leben nie so verläuft wie geplant, empfiehlt es sich, die Rentenlücke regelmäßig (alle 2 Jahre) zu kontrollieren und zu prüfen, ob Ihr noch auf Kurs seid oder ob Ishr eventuell eure Strategie zur Schließung anpassen müsst.


Viele Grüße und gutes Vorsorgen,

Matthias

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